| |

Liebe Zuschauerinnen und Zuschauer,
vor etwas mehr als 20 Jahren habe ich die ersten beiden Tanzfestivals – DANCE 1987 und 1989 – kuratiert. 20 Jahre, in denen die internationale freie Tanzszene ihre eigene Geschichte der Moderne geschrieben hat, damals junge Choreographen sich international durchgesetzt und ihr eigenes Idiom entwickelt haben. Viele von ihnen, die in den ersten Festivals DANCE und parallel in New DANCE im Marstall auftraten, könnte man heute fast als Klassiker bezeichnen. Fast – denn dagegen spricht ihre Lebendigkeit, ihre Wandlungsfähigkeit, ihre bemerkenswerte Kreativität. Inzwischen ist eine neue Generation von Zuschauern herangewachsen, die dieser Moderne zumeist erstmals begegnet. Und noch etwas ist in diesen 20 Jahren geschehen – die großen Protagonisten haben ihre eigene Tradition begründet, haben viele junge Choreographen beeinflusst und geprägt. Zahllose Tänzer dieser Compagnien der ersten Stunden leiten heute ihre eigenen Ensembles, haben eine eigene zukunftsweisende Ästhetik entwickelt. Die Szene ist produktiver und vielfältiger denn je. Stets mehr oder weniger gefährdet durch wirtschaftliche Unsicherheit kämpft sie beharrlich und liefert die entscheidenden ästhetischen Impulse für die Weiterentwicklung des zeitgenössischen Tanzes, die wiederum in die großen Institutionen hineinwirken. Eine große Ausnahme bildet William Forsythe mit seinem Ensemble, der wie kein anderer den Tanz auf klassischer Basis und über mehr als zwei Jahrzehnte an festen Häusern zu intellektueller und sinnlicher Qualität geführt hat. Seine Arbeiten in ihrer einzigartigen Komplexität, mit der sie die permanente Suche nach adäquater ästhetischer Form und existentielle Fragestellungen zum Thema machen, hätten – wie 1987 – am Beginn dieses Festivals stehen sollen, was uns aber leider trotz gemeinsamer Anstrengung diesmal nicht gelingen wollte. So müssen Trio im Repertoire des TanzTheaterMünchen, Limb`s Theorem beim Bayerischen Staatsballett und der Film One Flat Thing, Reproduced einen Eindruck von seinen Bühnen-, Film- und Videoarbeiten
vermitteln.
GegenWelten ist ein umfassender Begriff, der soziokulturelle Phänomene wie Tanz als Mittel des Widerstands und des Ungehorsams, Pop-Phänomene, mediale versus reale Welten und Tanz im Rahmen ästhetischer Bildungskonzepte ebenso beinhaltet wie er ästhetische und formale Aspekte von Kunst integriert. Für John Banville ist Kunst selbst eine Gegenwelt, nicht um aus der Welt zu entfliehen, sondern um „in einem Teil von ihr zu verweilen. In der Kunst finden wir vielleicht keine Tatsachen, aber wir finden Wahrheit. Und möglicherweise ist dies die wirkliche Quelle jenes schmerzhaften, schneidenden Gefühls von gleichzeitigem Erkennen und Fremdheit, von Gewinn und Verlust, das wir im Angesicht großer Kunst erfahren: des Gefühls nämlich, dass diese Welt unsere Heimat ist und dass wir doch nicht in ihr zuhause sind.“ Uwe Johnson formuliert in seinen Jahrestagen: „Es ist eine Welt gegen die Welt zu setzen“.
Unter dem Thema GegenWelten sehen Sie im Rahmen von DANCE 2008 ein Programm aus zwanzig Jahren Geschichte und Reflexion der Moderne, dem ein Geflecht an Fragestellungen zugrunde liegt:
Forschen nach der eigenen künstlerischen Identität bei Rosemary Butcher,Bernardo Montet und Wim Vandekeybus, nach dem kreativen Potential medialer Welten bei Bridgman / Packer, WILHELM GROENER, TPO und Chris Ziegler, nach der Widerstandskraft der Imagination bei Serpa Soares / Millwood, Madsen/Gauthier, Nacho Duato, Sandroni, Boonstra und Stefan
Dreher.
Ivana Müller, Deborah Hay und Wendy Houstoun loten die Möglichkeiten und Verschränkungen verschiedener medialer und theatraler Ebenen aus – völlig unterschiedlich in ihren Ansätzen inszenieren sie Übergänge von Sprache zu Bewegung zu Sprache, mit viel Humor und jede auf überraschenden Wegen. Der Israeli Hofesh Shechter und der Brasilianer Bruno Beltrão erobern mit ihren Ensembles eine neue Dimension von Bewegung, von Konkretion und Abstraktion. Und VA Wölfl / NEUER TANZ macht wie immer etwas ganz anderes...
Das Rahmenprogramm, eingeleitet mit dem Special „Die lange Nacht des Tanzes“ beim Bayerischen Staatsballett, das Ihnen Ausschnitte und Einblicke in mehr als 20 Choreographien der Moderne von der 19./20.Jahrhundertwende bis zum Konzepttanz präsentiert, bietet außerdem ein dreitägiges Symposium in der Evangelischen Akademie in Tutzing über Widerstandspotentiale im Tanz der Jugendbewegungen. Das interdisziplinäre Forschungszentrum „Sound and Movement“ der LMU widmet sich mit einer Begegnung von Künstlern und Medienwissenschaftlern dem Thema: „Momente der Wahrnehmung zwischen Differenz und Reflexion“. Das zweigleisige Filmprogramm Paysages Chorégraphiques von Sophie Becker im Neuen Arena Kino erweitert das Programm um Beiträge von oder über Choreographen wie Pina Bausch, Sidi Larbi Cherkaoui, Akram Khan, Alain Platel, Anne Teresa de Keersmaeker, Saburo Teshigawara, Angelin Preljocaj, Bernardo Montet, William Forsythe und andere und weitet den Blick für die vielfältigen ästhetischen Ansätze im Tanz der jüngsten Moderne.
Ein besonderes Highlight des Festivals ist das assoziierte DANCE 4 Kids-Programm
der SchauBurg am Elisabethplatz – ein internationales Programm aus Vorstellungen, die nicht alle für Kinder speziell konzipiert sind, aber zusammengestellt wurden nach dem Gesichtspunkt, dass sie sich auf der Höhe zeitgenössischer Ästhetik bewegen und gleichzeitig mit Spaß und Neugier von Kindern rezipiert werden können: Ein im wahrsten Sinne des Wortes „Wunder-volles“ Programm, das Erwachsenen und Kindern gemeinsam einen poetischen, humorvollen oder virtuosen Einstieg in die Welt des Tanzes bietet.
Ich danke herzlich allen Mitarbeitern, Kollegen, Partnern und Partnerinstitutionen, allen, die durch Gespräche, Ideen, Hinweise, durch ihre leidenschaftliche Kooperation, durch ideelle, organisatorische und finanzielle Unterstützung zum Programm dieses Festivals beigetragen haben.
Ihnen wünsche ich vier Wochen aufregender und
herausfordernder Vorstellungen und Begegnungen!

Bettina Wagner-Bergelt
Künstlerische Leiterin DANCE 2008
|